Existenzielle Vernunft: Lebendigkeit aus guten Gründen

von | Feb 5, 2021

Das zentrale Wort meines philosophischen Denkens ist immer „Existenz“.

In diesem Wort ist für mich alles enthalten. Es ist zugleich das Allgemeinste, der kleinste unterstellbare Nenner, und zugleich etwas sehr Intimes und der Mitteilung bedürftiges. Es ist das Fundament, auf dem Konzepte wie Ursache und Wirkung, Notwendigkeit und Freiheit, Sinn und Sinnlosigkeit aufbauen. Existenz hat demnach neben der objektiven Komponente (das bloße Dasein von etwas) auch immer etwas mit dem Subjekt, mit dem Bewusstsein zu tun. Die Vorsilbe „ex-“ deutet das an. Die Existenz ist nur dann der Fall, wenn sie sich ihrer selbst bewusst wird.

Das ex-istieren weist also auf das, was man in der Phänomenologie Intentionalität des Bewusstseins nennt. Bewusstsein ist immer auf etwas gerichtet. Bewusstsein nach Hegel ist das, was etwas von sich unterscheidet, auf das es sich zugleich beziehtBewusstsein ist also logisch gesprochen die Herstellung einer Beziehung von Innerlichem und Äußerlichem, von Ich und Nicht-Ich, von Subjekt und Objekt. Wenn dieses Bewusstsein sich nun auf die eigene Existenz bezieht, kann es diese Unterscheidung nicht mehr im gleichen Sinne leisten, wie wenn es sich auf einen empirischen Gegenstand beziehen würde, da Existenz und Bewusstsein identisch sind, und gleichzeitig aber auch nicht. Dass ich weiß, dass ich existiere, ist im Grunde vollständig in der Existenz enthalten, und doch stelle ich gewissermaßen einen virtuellen Raum her, in dem dieses Wissen um die eigene Existenz und die tatsächliche Existenz voneinander getrennt sind.

Das offene Spiel der Existenz

In diesem offenen Raum, in diesem dialektischen Spiel entsteht Veränderung, Kreativität, Entwicklung und womöglich auch Vollendung. Existenz bildet die fundamentale Kategorie, der ich mir als Mensch innewerden kann. Existenz ist radikal offen, sie ist zwar in ihrer physischen Form (Körper und Gehirn) durch diverse Faktoren wie z.B. Ursache und Wirkung bedingt, im reinen Gedanken der Existenz jedoch setzt sich der Geist als erste Ursache und bestimmt somit die bedingten Bestandteile von Existenz in freie Formen. Der Geist emanzipiert sich im Laufe der evolutionär-menschlichen Entwicklung. Der Mensch ent-deckt die wahre Größe des Geistes, die schon immer war, zuvor verborgen als ungewusstes Netzwerk von Voraussetzungen, das Existenz überhaupt erst ermöglicht. Darauf komme ich gleich noch zu sprechen.

Dieses Nicht-Wissen um die eigentliche Natur der Realität, das in nahezu allen Weisheitslehren, auch in der platonischen Philosophie als grundlegender Faktor betrachtet wird, der zu Leid und Unglück führt, bringt wiederum den hartnäckigen Glauben hervor, dass es so etwas wie Geist, immateriell Formgebendes, eine immanente Tendenz zu Harmonie, oder wie auch immer man das nennen mag, gar nicht gäbe, was aber letztlich ein Wahrnehmungsirrtum ist. Wenn beispielsweise ein Neugeborenes mathematische Gleichungen nicht verstehen kann, würden wir ja nicht dadurch darauf schließen, dass diese mathematischen Gleichungen falsch sind. Wenn wir also das, was Realität sei, per se an unseren Glauben, an unsere Wahrnehmung und an unsere Verstandeskraft binden, kann als Realität auch nur das rauskommen, was diesem Glauben, dieser Wahrnehmung und Verstandeskraft entspricht.

Form und Formlosigkeit als dialektische Urgestalt

Existenzielle Vernunft bedeutet das Eingeständnis des Wissens über das Nichtwissen, und nur so wird überhaupt erst Erkenntnis und fortschreitende Kommunikation möglich. Dieses Eingeständnis bleibt eine genuin philosophische und wissenschaftliche Haltung. Wenn ich weiß, dass es Dinge gibt, die ich nicht weiß, erzeugt das eine Spannung, die ich mittels logischem Denken und genauer Beobachtung überbrücken möchte. Der Prozess der Wissensgenese begegnet der Natur und der Realität notwendigerweise auf einer geistigen Ebene. Selbst die Beobachtung, zum Beispiel im Experiment, zielt nicht auf den Einzelfall ab, auf das konkrete Ereignis, das ich beobachte, sondern auf allgemeine Aussagen über alle Einzelfälle vergleichbarer Art.

Neben Existenz tritt also Geist als zweiter zentraler Begriff hinzu. Ohne Form ist jeglicher Inhalt nichts. Ohne die sprachlich-rationale Struktur bleibt unser Bewusstsein der Realität auf einer Ebene inhaltsleerer Konkretion. Da die Realität aber selbst sprachlich rational beschrieben werden kann, und wir auf dieser Basis sogar Vorhersagen treffen können, liegt es nahe zu schließen, dass das Wesentliche die Struktur, die Form ist und nicht, was diese Form abbildet, der Inhalt. Die Form ist das Entscheidende, und damit bildet der Inhalt im Grunde genommen keinen eigenständigen dialektischen Widerpart mehr, sondern ist eigentlich das, was durch die Form überhaupt erst konstituiert wird. Materie vs. Idee ist recht betrachtet (wie auch Hegel zeigt) eigentlich überhaupt nicht das fundamentale dialektische Paar, sondern vielmehr Form und Formlosigkeit.

Das Formbare, d.h. der Gegenstand, der Inhalt, die Materie, hat seine Genese ursprünglich darin, dass es Form empfängt, empfangbar ist, damit passiv. Anders ausgedrückt, gewinnt es seine Formbarkeit dadurch, dass Nichts es von einer anderen Form trennt. Formbarkeit bedeutet schließlich die Nichtigkeit des Inhalts gegenüber der Form. Wandel und Fluss des Seins bestehen in der Gleichzeitigkeit von Form und Formlosigkeit. Geist wäre demnach die selbst formlose, aber geichzeitig formierende Kraft und die Existenz dasjenige, an dem die formierende Kraft Gestalt annimmt und sichtbar wird, also die Form, und gleichzeitig aber auch die „Schwäche“ inhärenter Formlosigkeit aufweist: die Form ändert sich, die Materie kann die Form nicht dauerhaft halten.

Geist als Medium von Ursache und Wirkung

Die Voraussetzung für bewusstes Existieren und damit für existenzielle Vernunft ist offenbar Lebendigkeit. Was ist Lebendigkeit? Wie kann ich sie beschreiben? Lebendigkeit hat sich selbst als Ziel. Leben ist also ziellos und zielgerichtet zugleich. Ziellos insofern als dass das bloße Fortexistieren das Ziel schon erfüllt und aus dieser Perspektive darüber hinaus nichts mehr zu erreichen ist und zielgerichtet insofern, als dass stets Maßnahmen ergriffen werden müssen, um das Leben, das Gleichgewicht, die Homöostase zu erhalten. Jede denkbare Aktion eines Organismus dient also dem Leben in allen basalen und komplexeren Funktionen. Der Selbstzweck, die Autopoiesis ist also die fundamentale Kategorie auch der bewussten Existenz. Etwas das sich selbst will, ist zugleich Ursache und Effekt des Lebens, Ursache weil ohne diesen Selbstzweck Leben nicht denkbar wäre und Effekt, weil das Leben sich so in unendlich vielen Organismen und Varianten selbst veräußert, tätig wird und aktiv. Es ist dies das ex-istieren, die Intentionalität.

Der einzige Weg, in dem Leben, in dem bewusste Existenz sein kann, ist innerhalb von prozessualer, implizit intelligenter Organisation von Form. Es spielt keine Rolle, ob diese Intelligenz äußerlich (klassischerweise als Gott vorgestellt) oder innerlich (Evolution) ist, sie ist der Realität inhärent: Ich lebe, ohne darüber nachzudenken, ohne dafür bewusst etwas zu tun. Es ist mir einfach zueigen. Tiefliegende Strukturen des Gehirns sorgen unbewusst-intelligent für alle homöostatischen Prozesse wie Atemregulation, Energiehaushalt, Blutzucker, Schlafdruck. Das Leben ist nur als mittelbar abhängig von mir zu betrachten: Primär bin ich abhängig vom Leben, als das Leben von mir. Jede Generation von Organismen wurde im Laufe der Zeit schon durch die nächste ersetzt, das Leben selbst aber bleibt. Diese implizite Intelligenz ist das durchgehende, die konkreten Organismen sind dem Prozess von Form und Formlosigkeit, der Zeit, der Evolution, dem Werden und Vergehen unterworfen. Leben, Geist, implizite Intelligenz ist das Medium, in dem Organismen sind, in dem sie überhaupt bestehen können.

Der Selbstzweck des Lebens und individuelle Freiheit

Als Mittel und Träger des Lebens bin ich aber zugleich sein Zweck, weil Leben sich selbst zum Ziel hat. Das ist die mittelbare Abhängigkeit des Lebens von mir. Mich selbst als Zweck zu haben, ist meine existenzielle Freiheit: Der Selbstzweck gibt mir kein außerhalb von mir liegendes Ziel vor. Leben als Grundkategorie ist mein förmliches Dasein, dass aufgrund der „Selbstzweckhaftigkeit“ zugleich formlos und damit formbar ist. Mit anderen Worten: Ich lebe und ich weiß, dass ich mich selbst als lebendes Wesen will und will es auch in der Tat, und weil damit alle Voraussetzungen meiner Existenz erfüllt sind, unterliegt der ganze Rest meiner freien Gestaltung!

Manche Wahrheiten sind zu einfach, als dass wir sie sehen könnten. Sie sind quasi zu nah, um sie betrachten zu können. Die eigene Existenz ist eine der nächsten Wahrheiten, die es überhaupt gibt und fällt daher gewöhnlich aus meinem Sichtfeld, so wie ich meine eigene Nase nicht sehe, obwohl sie sich die ganze Zeit vor mir befindet: Wir ziehen es vor, sie zu ignorieren, obwohl wir ohne sie nicht lebensfähig wären und ohne die Existenz einfach Nichts. Auch aus einer materialistischen Sicht ist lebendige Existenz nicht bloß Materie, sondern ihre implizit intelligente, rationale Struktur und Organisation. Unsere Existenz ist also Form und diese Form ist geistig und bildet sich in Materie nur ab. Ob diese Form nun im platonischen Sinne ewig ist oder nicht, ist zunächst einmal gleichgültig, wichtig ist, dass man meiner Ansicht nach kaum vernünftige Argumente dagegen anbringen kann, dass die lebendige Existenz überhaupt tatsächlich so organisiert ist.

Ich wähle mich selbst als vernünftiges Wesen

Wenn ich mich auf Basis der eigenen Existenz selbst gestalten kann, mein eigenes Handeln wählen kann, dann kommt die Frage auf: Was soll ich tun? Als Voraussetzung der Beantwortung und Umsetzung dieser Frage ist neben der Freiheit (wenn ich gar nicht zwischen Alternativen wählen kann, ist die Frage sinnlos), Vernunft absolut notwendig. Denn die Frage „Was soll ich tun“ verlangt, dass ich Gründe für Lebensentwürfe und Handlungsoptionen angeben kann. Meine Freiheit wirklich zu nutzen, bedeutet also, dass ich mich als vernünftiges Wesen wählen muss, sonst unterliegen die Möglichkeiten meines Wollens dem Zufall oder dem Schicksal, den unbewussten Vorannahmen meiner Kindheit und Gesellschaft, dem Druck meiner Peer-Group  oder den Imperativen der Marktlogik, kurz: Äußeren, heteronomen Ursachen.

Darum ist Freiheit Einsicht in die Notwendigkeit. In die Notwendigkeit der Vernunft als innerer, geistiger, existenziell freier Formlosigkeit, die selbst formgebend ist. Form nimmt Vernunft folgerichtig stets nur dann an, wenn sie sich selbst begründet. Der Selbstzweck des selbstbewussten, freien Geistes gleicht darum strukturell dem Selbstzweck des Lebens und realisiert sich darum auf höherer Ebene als lebendige, existenzielle Vernunft. Eben wie das Leben hat sie sich selbst zum Ziel und muss allerdings im äußeren tätig werden, um sich selbst erhalten zu können, andernfalls ist sie machtlose Spekulation oder Vernünftelei, bloße Rationalisierung und oberflächlicher Moralismus.

Existenzielle Vernunft ist sublimierte Lebendigkeit.